Kati arbeitet an der Jeevan-Schule in Varanasi. Viele Kinder dieser Schule gehören kastenlosen Eingeborenenstämmen (Adivasi) an. Das sind die Ureinwohner von Indien. Ihre Eltern kommen in die Stadt, weil sie als Rikscha Fahrer, Straßenkehrer, Tagelöhner oder Bettler mehr verdienen als ihre traditionelle Arbeit mit Bambus einbringt. Sie wohnen mit ihren Kindern am Straßenrand in notdürftig gebauten zeltartigen Hütten. Diese sind illegal und bei Besuchen der "Obrigkeit" werden diese Menschen mit Lastwagen vor die Städte gekarrt, ähnlich wie in St. Petersburg.
Ungefähr 120 Kinder besuchen diese Schule, davon sind 100 fast täglich anwesend. Die anderen Kinder kommen sporadisch, denn sie müssen oft mit der Mutter betteln gehen, auf kleinere kranke Geschwister aufpassen (die sie aufgrund der Krankheit nicht mit in die Schule bringen können), oder sie müssen mit ihren Eltern mitziehen, auf der Suche nach besseren Verdienstmöglichkeiten in anderen Städten. Für besonders gefährdete Kinder ist ein Internat eröffnet, das mehr ist als eine Aufbewahrungsstätte.
Alle Kinder kamen hierher mit vielfältigen traumatischen Erlebnissen im Gepäck, sexuellem Mißbrauch, physischer Gewalt, Unterernährung, oft in Kombinationen, die einem die Tränen in die Augen treiben. Hier im Internat erleben die Kinder das erste Mal in ihrem Leben einen sicheren und gewaltfreien Ort und den friedlichen Umgang mit sich selbst und den anderen Kindern. Zur Zeit leben 35 Kinder im "Hostel" mit Kati zusammen. Die Kinder werden von in Schichten eingeteilten Mitarbeitern rund um die Uhr betreut. Da viele ältere Kinder erst in recht hohem Alter das erste Mal eine Schule besuchen, sind die Klassen nicht altersorientiert, stattdessen werden die Kinder entsprechend ihres Wissenstandes einer Klasse zugeteilt.
Die unterschiedlichen Wissensstände ist nichts Negatives. Die Kinder lernen in Gruppen voneinander und Konflikte in angemessener Form auszutragen. Jeden Tag können die Kinder über eine Stunde lang selbst entscheiden, was sie lernen möchten. Jeder der vier Klassenräume der Grundschule ist zugleich auch ein Fachbereich (Mathematik, Sprache, Kreativität und Wissenschaft). Zu Beginn der Freiarbeit versammeln sich alle Kinder still auf ihren Matten und werden einzeln in die Freiarbeit entlassen. Sie dürfen alleine, zu zweit oder in Gruppen arbeiten, mit zur Verfügung stehenden Materialien im selbstgewählten Fachbereich. Sind Kinder sehr unentschlossen, schlägt ihnen ein Lehrer mögliche Materialien vor. Jedes Kind bekommt einen Wochenplan mit vier Pflichtaufgaben, die es währen der Freiarbeit erledigen muß, die restliche Zeit steht zur freien Verfügung
Kati besuchte ich an einem Sonntag. Wir trafen uns in Varanasi. Ein Boot brachte uns zu ihrem Hostel und natürlich durften die Kinder, die wir am Strand aus ihrer Herberge "aufgabelten", mit uns fahren.
Nach einer 1/2stündigen Fahrt hatten wir wieder festen Boden unter den Füßen. Zwischenzeitlich freundete ich mich mit den kleinen liebenswerten, fröhlichen Kindern an. Der nackige Popo, die Rotznase, die Geschwisterliebe, das alles hat mich so sehr berührt, daß es mich für fest stand - hier muß ich mich einbringen - wie auch immer.
Die älteren Kinder sind am Wochenende damit beauftragt, für die Mahlzeiten zu sorgen. Ich wurde durch das Haus geführt, natürlich ohne Schuhe. Es war etwas kalt auf dem Steinboden. Überall spürte man die liebevolle Hand von Kati. Im Schlafraum der Kinder, falteten sie ihre Wäsche, so akkurat wie beim Komiß. Materialien lagen fein säuberlich in, von den älteren Kindern, angefertigten Regalen.
In Katis Privaträumen, dient auch als Büro, bekam ich Cappuchino serviert, natürlich auf dem Boden. Für mich war dieses Hostel die friedlichste Oase meiner Indienreise. Ich konnte in ein paar glückliche Kinderaugen, nur durch meine Anwesenheit und meine Zuwendung, schauen. Und ich war glücklich. Kati würde mich gern wieder sehen, denn sie kann sich nicht jedem Kind gleichzeitig widmen. Kati spricht fließend Hindi.
Kati brachte mich mit ihrem Motorroller dann in einer 1/2stündigen Fahrt durch Varanasi wieder zu meinem Hotel. Auf dieser Fahrt saß ein kleines Mädchen, welches kein Mädchen mehr sein wollte, hinter mir auf dem Sitz.
Während der Fahrt erzählte Kati mir von ihrem Schicksal.







