Donnerstag, 31. Oktober 2013

Kati.

Kati arbeitet an der Jeevan-Schule in Varanasi. Viele Kinder dieser Schule gehören kastenlosen Eingeborenenstämmen (Adivasi) an. Das sind die Ureinwohner von Indien. Ihre Eltern kommen in die Stadt, weil sie als Rikscha Fahrer, Straßenkehrer, Tagelöhner oder Bettler mehr verdienen als ihre traditionelle Arbeit mit Bambus einbringt. Sie wohnen mit ihren Kindern am Straßenrand in notdürftig gebauten zeltartigen Hütten. Diese sind illegal und bei Besuchen der "Obrigkeit" werden diese Menschen mit Lastwagen vor die Städte gekarrt, ähnlich wie in St. Petersburg.


Ungefähr 120 Kinder besuchen diese Schule, davon sind 100 fast täglich anwesend. Die anderen Kinder kommen sporadisch, denn sie müssen oft mit der Mutter betteln gehen, auf kleinere kranke Geschwister aufpassen (die sie aufgrund der Krankheit nicht mit in die Schule bringen können), oder sie müssen mit ihren Eltern mitziehen, auf der Suche nach besseren Verdienstmöglichkeiten in anderen Städten. Für besonders gefährdete Kinder ist ein Internat eröffnet, das mehr ist als eine Aufbewahrungsstätte.

Alle Kinder kamen hierher mit vielfältigen traumatischen Erlebnissen im Gepäck, sexuellem Mißbrauch, physischer Gewalt, Unterernährung, oft in Kombinationen, die einem die Tränen in die Augen treiben. Hier im Internat erleben die Kinder das erste Mal in ihrem Leben einen sicheren und gewaltfreien Ort und den friedlichen Umgang mit sich selbst und den anderen Kindern. Zur Zeit leben 35 Kinder im "Hostel" mit Kati zusammen. Die Kinder werden von in Schichten eingeteilten Mitarbeitern rund um die Uhr betreut. Da viele ältere Kinder erst in recht hohem Alter das erste Mal eine Schule besuchen, sind die Klassen nicht altersorientiert, stattdessen werden die Kinder entsprechend ihres Wissenstandes einer Klasse zugeteilt.

Die unterschiedlichen Wissensstände ist nichts Negatives. Die Kinder lernen in Gruppen voneinander und Konflikte in angemessener Form auszutragen. Jeden Tag können die Kinder über eine Stunde lang selbst entscheiden, was sie lernen möchten. Jeder der vier Klassenräume der Grundschule ist zugleich auch ein Fachbereich (Mathematik, Sprache, Kreativität und Wissenschaft). Zu Beginn der Freiarbeit versammeln sich alle Kinder still auf ihren Matten und werden einzeln in die Freiarbeit entlassen. Sie dürfen alleine, zu zweit oder in Gruppen arbeiten, mit zur Verfügung stehenden Materialien im selbstgewählten Fachbereich. Sind Kinder sehr unentschlossen, schlägt ihnen ein Lehrer mögliche Materialien vor. Jedes Kind bekommt einen Wochenplan mit vier Pflichtaufgaben, die es währen der Freiarbeit erledigen muß, die restliche Zeit steht zur freien Verfügung

Kati besuchte ich an einem Sonntag. Wir trafen uns in Varanasi. Ein Boot brachte uns zu ihrem Hostel und natürlich durften die Kinder, die wir am Strand aus ihrer Herberge "aufgabelten", mit uns fahren.



Nach einer 1/2stündigen Fahrt hatten wir wieder festen Boden unter den Füßen. Zwischenzeitlich freundete ich mich mit den kleinen liebenswerten, fröhlichen Kindern an. Der nackige Popo, die Rotznase, die Geschwisterliebe, das alles hat mich so sehr berührt, daß es mich für fest stand - hier muß ich mich einbringen - wie auch immer.



Die älteren Kinder sind am Wochenende damit beauftragt, für die Mahlzeiten zu sorgen. Ich wurde durch das Haus geführt, natürlich ohne Schuhe. Es war etwas kalt auf dem Steinboden. Überall spürte man die liebevolle Hand von Kati. Im Schlafraum der Kinder, falteten sie ihre Wäsche, so akkurat wie beim Komiß. Materialien lagen fein säuberlich in, von den älteren Kindern, angefertigten Regalen.




In Katis Privaträumen, dient auch als Büro, bekam ich Cappuchino serviert, natürlich auf dem Boden. Für mich war dieses Hostel die friedlichste Oase meiner Indienreise. Ich konnte in ein paar glückliche Kinderaugen, nur durch meine Anwesenheit und meine Zuwendung, schauen. Und ich war glücklich. Kati würde mich gern wieder sehen, denn sie kann sich nicht jedem Kind gleichzeitig widmen. Kati spricht fließend Hindi.

Kati brachte mich mit ihrem Motorroller dann in einer 1/2stündigen Fahrt durch Varanasi wieder zu meinem Hotel. Auf dieser Fahrt saß ein kleines Mädchen, welches kein Mädchen mehr sein wollte, hinter mir auf dem Sitz.

Während der Fahrt erzählte Kati mir von ihrem Schicksal.

Montag, 7. Oktober 2013

Namaste

... was wird mich in Indien erwarten!
Einen kleinen Einblick hatte ich ja schon vor 11 Jahren. Allerdings war es eine Reise ganz anderer Art. Es begleitete mich meine Freundin und wir übernachteten in ehemaligen Maharadscha-Palästen. Natürlich lernten wir auch hautnah die Armut kenne, Delhi, Jaipur, Agra uvm.


So seltsam wie es klingt, wir Europäer haben geradezu eine romantische Zuneigung für dieses farbenprächtige, exotische und faszinierendes Land entwickelt. Indien ist kleiner als die EU, aber es leben dort doppelt so viele Menschen und bald wird es China überholen und zur größten Nation der Erde heranwachsen.

Aber ich habe kein anderes Land kennengelernt, welches fremder, mystischer und religiöser ist. Fast alles ist heilig und nahezu jedes Tier. Und da beginnt schon die Widersprüchlichkeit für mich. Die Tiere werden geschlagen, daß man meint, die Knochen brechen. Indien "schimpft" sich gern das größte, demokratischste Land der Welt. Aber wo bleibt die Menschenwürde. Kein Inder würde ein Straßenkind berühren, geschweige denn mit ihnen essen. Offiziell, lt. Verfassung, ist das Kastensystem verboten. Wie kann es sein, daß ein kleines Mädchen von ca. 12 Jahren - sie saß hinter mir auf dem Motorroller - mit ansehen mußte, wie sich die Mutter verbrannte und der Onkel sie vergewaltigte. Sie ist traumatisiert und braucht Hilfe - ein Straßenkind, ein unberührbares, kastenloses Menschenkind. Darüber aber später.

Diesmal nahm ich nach Indien eine andere Rute, nicht über die Türkei sondern über Helsinki mit der Finnair. Obwohl einen Tag vor meinem Abflug der Hamburger Flughafen dicht war wegen Streik, war am Samstag 19. Januar, davon nix mehr zu merken. Pünktlich landete ich in Delhi, wo ich von meinem Empfangskomitee, Christine und Manoj empfangen wurde. Sie waren schon 10 Stunden unterwegs, von Jaipur kommend. Ein paar Stunden nächtigten sie im Auto. Und nun ging es gleich weiter, mit einem Stopp, zum WildBrook Reseat in der Nähe von Rishikesh.

Die Transitstraßen sind ähnlich gut/schlecht wie in anderen Millionenstädten. Nix aufregendes. Meinen Schalter mußte ich umschalten auf die englische Sprache. Anfänglich hatte ich Schwierigkeiten mit Manoj`Sound. Als ich mich eingehört hatte, war alles ok.

Delhi ließen wir hinter uns und nun fuhren wir Bundesstraßen. Der Unterschied war gewaltig und auch das Rechts und Links von der Straße zog mich in den Bann. Das Leben spielte sich alles auf/am Straßenrand ab, ähnlich wie in Afrika: Es wurde geflickt, gekocht, gehütet, gehämmert usw. Die heiligen Kühe und die vielen, vielen Hunde hinterließen ihre Machenschaften und liefen kreuz und quer über die Straße oder machten es sich gemütlich auf der Fahrbahn. No Problem, mit viel Gehupe in allen Tonfrequenzen wurden die Tiere so "zärtlich" aufgefordert, Platz zu machen. Manche erhoben sich behäbig, andere dachten nicht daran und sie wurden umfahren, trotz Gegenverkehr, es richtet sich, alles irgendwie.

Wir näherten uns Rishikesh. Rishikesh ist der Ort, wo die Beatles im Ashram meditierten, davon aber auch später. Langsam, Schlagloch an Schlagloch war der Rajaji Nationalpark, indem WildBrook liegt, sichtbar. Wilde und schöne Natur.